Aktive Selbstverteidigung – Weshalb wir Sicherheit nicht gegen Freiheit tauschen müssen

Aktualisiert: 28. Okt 2018

Du läufst auf Aktiv-Sohlen, drehst Zigaretten mit Aktiv-Kohlefilter und aktivierst deine Abwehrkräfte mit Actimel. Das Wort aktiv ist zu einem alles- und nichtssagenden Füllwort geworden – und trotzdem stehen wir hinter dem Namen Active Defense. Klar – wer einen unserer Selbstverteidigungskurse besucht, wird nicht darum herumkommen aktiv zu werden. Aber das ist nicht der Grund für die Namensgebung. Active beschreibt bei uns tatsächlich das Prinzip unseres Systems zur Selbstverteidigung: Wir lernen, uns selbst zu behaupten, um keine passive Rolle in dieser Welt einnehmen zu müssen. Denn wer nur sicher sein will, kann sich einfach verstecken. Wer allerdings selbstbestimmt leben, sich frei bewegen und vielleicht auch mal für andere einstehen will, der muss aktiv werden. Also runter von der Couch!...nach diesem Artikel natürlich.

Das Leben ist kein online Ponyhof

Wer einfach nur sicher sein möchte, der folge am besten dieser Anleitung: 1.) geh direkt nach Hause, 2.) mach dir einen Yogi-Wohlfühl-Tee, 3.) kuschle dich mit deinem Tablet auf die Couch 3.) schlüpfe in den virtuellen Körper des Avatars deiner Wahl.

Krieger oder Krümelmonster?

Hier kannst du nun heldenhaft mittelalterliche Schlachten anführen, Autos klauen und dir Straßenschießereien mit einer Hundertschaft an Polizisten liefern, oder einfach nur eine Farm betreiben, mit den modernsten Erntemaschinen und Ponys. Wem auch immer dabei einer abgeht…

Zugegeben, jetzt, wo der Winter naht, klingt das eigentlich recht verlockend. Aber genau das ist die Bredouille (ja, ich musste die Rechtschreibung googeln): die nächstbeste, einfachste, und gemütlichste Lösung erfüllt uns für den Moment, macht uns aber auf lange Sicht zu weichgespülten Waschlappen. Es ist ein Naturgesetz: Nur was sich den rauen Launen der Natur aussetzt, wächst und gedeiht.

Das Leben in der Bubble

Die meisten von uns Leben jedoch in einer Bubble – wie dieser Junge aus dem 90er Film. Ohne Immunsystem geboren, lebt der „Bubble-Boy“ Jimmy unter einer luftdichten Kuppel aus Plastik. Jeder Keim könnte ihn töten und so bekommt er nur steriles Essen und darf das Haus niemals verlassen. Dann kommt jedoch, was in jedem Film der 90er Jahre kommen muss: Er verliebt sich in das Nachbarsmädchen Chloe. „Hey, you’re the whore from next door!“ begrüßt er sie mit einem Lächeln, als sie ihn das erste Mal besucht. Seinen Wortschatz bekam er bis dahin ausschließlich von seiner garstigen, prüden Mutter eingetrichtert.

Getrieben von seiner Sehnsucht, seiner Neugier, oder einfach nur aus Geilheit (Jimmy ist inzwischen ein Teenager), baut er sich einen luftdichten Blasenanzug, in dem er nach draußen kann. Aus Gründen, deren Klärung die Kapazität dieses Beitrags überschreiten, muss sich der Junge in seiner Bubble bis an die Niagara-Fälle durchkämpfen. Dass er am Ende das Herz seiner Geliebten erobert, brauche ich nicht zu spoilern. Zum wahren Plot der Geschichte kommen wir aber gleich…

Wir schaffen uns unsere eigene Blase

Wir selbst sind, genauer betrachtet, alle zu einem gewissen Teil Bubble-Boys- und Girls. Wir wagen uns kaum aus uns unserer Comfort Zone hinaus, und wenn unbedingt nötig, dann bitte in einen Safe Space. Helikopter-Eltern schneiden ihren Kindern die Rinde vom Pausenbrot und wundern sich hinterher, warum sie sich im Berufsleben nicht durchbeißen können.


Und dieses systematische Einlullen hört im Erwachsenenalter nicht auf: der Großstadtjungel da draußen ist überwuchert von Überwachungskameras, Metalldetektoren, Sicherheitsdiensten, Polizeiaufgeboten, Routinekontrollen, und Warnschildern. Aber wem ist damit letztendlich geholfen?


Selbstverteidigung bringt Sicherheit von innen

Vorab: ich bin dankbar für die Infrastruktur, das Sozialsystem und auch für die Polizeiarbeit in Berlin – auch wenn es dieser Tage ein paar Ausreißer gibt. Wer die Sicherheit und den Komfort, welchen dieses System uns bietet, nicht wertschätzt, der ist noch nicht viel rumgekommen. Allerdings schreibe ich hier weder als Politiker, noch als „besorgter Bürger“, sondern einfach als Mensch mit Zuversicht: wahre Sicherheit kommt von innen, und muss nicht gegen Freiheit getauscht werden. Ganz im Gegenteil.

Sicherheit oder Freiheit?

Mit „innen“ ist hier nicht das Programm für innere Sicherheit gemeint, sondern ein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten auf individueller Ebene. Ein Sicherheitsgefühl, das wir unabhängig von den äußeren Umständen in uns tragen. Es ermöglicht uns wahre Freiheit durch Selbstbestimmung. Allerdings darf dieses Sicherheitsgefühl nicht auf Ignoranz und Naivität basieren, sondern auf einem Plan wie ich mich in einer Gefahrensituation zu verteidigen habe. Deshalb unterrichte ich Kurse zur Selbstverteidigung und Selbstbehauptung: Wer sich mit unangenehmen Situationen auseinandersetzt, für den Ernstfall probt, und die effektivsten Techniken zur Selbstverteidigung erlernt, wird das begründete Selbstvertrauen haben aktiv zu werden, wo andere wegsehen oder weglaufen.


Es gibt kein Widerspruchsregister gegen Courage Bis vor kurzem hatte ich keinen Organspendeausweis. Nicht etwa, weil ich es bevorzuge von Würmern gefressen zu werden, sondern einfach, weil ich mich nie damit beschäftigt habe. Mir wurde kein wirklicher Anreiz geboten, aktiv zu werden und das Ding zu beantragen. In Österreich hingegen ist das anders: Hier gibt es das Widerspruchsregister gegen Organspende. Wer hier kein Organspender sein möchte, muss dies extra beantragen und bekommt quasi einen Organbehalter-Ausweis. Eine passive Rolle einzunehmen, hat hier direkte Konsequenzen, und so beschäftigen sich Österreicher weitaus aktiver mit der Thematik der Organspende und allem was dies so mit sich bringt.


Hier ist die Krux: Eine passive Rolle einzunehmen, wenn jemand uns oder andere diskriminiert, bedroht oder angreift, hat auch direkte Konsequenzen. Und die erfahren wir auch noch am lebendigen Leib! Nur wer sich aktiv mit potenziellen Gefahrensituationen auseinandersetzt und lernt, sich selbst zu verteidigen, wird sich oder anderen den Arsch retten können.


Nehmt euch ein Beispiel an Jimmy

Ach ja – wie ging es nun mit unserem Bubble Boy aus? Nach einem Roadtrip mit einer mexikanischen Biker-Gang, einer esoterischen Hippie-Sekte, und einem Freak-Zirkus, trifft Jimmy auf seine geliebte Chloe. Die Sehnsucht, sie zu berühren lässt ihn die Sorgen um die bösen Keime da draußen vergessen. Er reißt den Anzug einfach auf und es passiert…nichts. Alles nur fake. Sein Immunsystem hatte sich im Alter von vier Jahren doch noch entwickelt. Seine paranoide Helikopter-Mutter, jedoch, hatte die Wahrheit vertuscht. So konnte sie ihre Rolle der beschützenden Mutter beibehalten und ihren kleinen Jimmy für immer von dieser schmutzigen, sündhaften und gefährlichen Welt da draußen fernhalten. Was für eine ….. ! (fill in the blanks).


Aus Angst vor der Welt da draußen hätte sie damit beinahe ihr Kind daran gehindert zu leben, und stattdessen in „Sicherheit“ ein passives, belangloses und zutiefst unglückliches Leben zu führen. Aber Jimmy ließ sich nicht lumpen.

Wir müssen nicht wie Jimmys dumme Mutter sein. Wir müssen für Sicherheit nicht mit unserer Freiheit bezahlen. Viel eher werden wir erst frei sein, wenn wir selbstsicher sind. Selbstverteidigungskurs ist ein sehr langes und typisch deutsches Wort. In meinen Ohren klingt es jedoch besser als Terrorismusbekämpfungsmaßnahme.


Active Defense – das bedeutet die Gefahr als Teil des Lebens anzuerkennen und sich damit konstruktiv auseinanderzusetzen, anstatt sich in die Hosen zu scheißen. Es bedeutet, die Comfort Zone nicht als einen physischen Ort zu betrachtet, sondern sie zu verinnerlichen und immer dabei zu haben. Der Untertitel von Bubble Boy soll uns in diesem Sinne als Motivational Slogan des Tages dienen: Life is an adventure – don’t blow it!


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