Wie normal ist schwul?

Aktualisiert: 6. Nov 2018

Wir sind alle crazy, awesome, one-in-a-million. Schon klar. "Normal" steht schließlich für festgefahrene Schubladen voller Einheitsbrei. Also nieder mit der Norm! Oder vielleicht doch nicht?


"Die Schwulis können schon so rumlaufen wie sie wollen. Sieht halt manchmal witzig aus. Aber wenn die richtig krass rummachen, find ich das nicht so geil. Ich mache auch nicht mit meinem Mann in der U-Bahn rum."

Nastja, die Verkäuferin vom Späti meines Vertrauens, ist eine liebenswerte Göre. Manchmal jedoch, mangelt es ihren Kommentaren an political correctness.


"Also geht es dir eher um Privatsphäre an sich, als um die sexuelle Neigung?", frage ich, während ich ihr helfe Schlümpfe und Colakracher in Überraschungstüten zu packen.

"Naja, mich nervt es generell, wenn zwei sich vor meiner Nase abschlecken". Demonstrativ drückt sie zwei Schlümpfe gegeneinander. "Aber wenn das jetzt zwei Typen oder zwei Frauen sind, ist es halt extra-weird. Bei normalen Pärchen kann man’s halt leichter ignorieren."


Wer es bei diesem Kommentar an dem Wort extra-weird vorbeigeschafft hat, ohne die Nase zu rümpfen, der wird wohl spätestens beim normal eine Augenbraue gehoben haben. Nichts ist so ungeil wie "normal-sein". Klar – wir alle sind crazy und individuell. Vor allem aber wollen wir uns nicht vom Staat oder der Gesellschaft diktieren lassen, was erwünscht und akzeptiert ist. Viele bunte Vögel würden sich selbst ungern als "ganz normal" bezeichnen. Wer hingegen vom Umfeld als "abnormal" abgestempelt wird, hat das Nachsehen. Daher nieder mit den Normen! Oder vielleicht doch nicht?


Normen machen das Leben leichter. Manchmal.


Das Papier, auf dem ich meine Notizen mache, passt in jeden Drucker und in jeden Hefter. Das Deutsche Institut für Normung hat entschieden, welche Maße es haben muss, und es aus Stolz gleich nach sich selbst benannt – DIN A4. Diese Normung betrifft nicht nur Papier, sondern noch weitere 34.000 Gegenstände in Deutschland. Und das macht das Leben sehr viel leichter. Als Teenager habe ich oft einen Rap-Song mit dem Titel „Fick die Norm“ gehört. Wer jedoch ein I-Phone und einen Windows PC besitzt, weiß, dass Normen und Standards manchmal gar nicht so verfickt sind.

Normen können uns helfen zu connecten

Bei der Schaffung von Normen geht es darum, Produkte und Prozesse miteinander kompatibel zu machen, die Nutzung zu vereinfachen und Verbrauchern Sicherheit zu garantieren. Man weiß halt gerne, woran man ist.


Technische Standards und Normen sind jedoch ein recht neues Phänomen. Normen für das Verhalten, das Aussehen, sowie die Kommunikation innerhalb von Gesellschaften hingegen, sind so alt wie die Menschheit selbst. Sie helfen uns, unser Verhalten vorhersehbar zu machen. Das bring Stabilität in unseren Alltag und verschafft uns ein Zugehörigkeitsgefühl.


Was jedoch, wenn wir uns nicht der Norm anpassen wollen? Und überhaupt ­– wer hält Gleichschaltung und normative Kontrolle schon für eine gute Idee? Unsere Geschichte hat uns doch mehr als einmal gezeigt, wohin das führen kann …


Die Etablierung von Normen in einer Gesellschaft ist jedoch nicht zu verwechseln mit Gleichschaltung und Stillstand. Was wir als normal ansehen, ist abhängig von den Impulsen, welche von den Individuen unserer Gesellschaft ausgehen. Was normal ist, entscheiden also wir. Der Begriff ist wie die Jobbeschreibung eines jeden Berliner Start-ups: innovativ, flexibel, dynamisch.


Das Normen nicht unbedingt einschränkend sein müssen, konnte man letzten Samstag gut beobachten: Die Einführung einer konstruktiven Norm wurde in Berlin von einer Viertelmillionen Menschen beantragt: Unteilbar: Solidarität statt Ausgrenzung für eine offene und freie Gesellschaft. Vielfalt und Toleranz zur Norm zu machen, ist die Forderung der Gesellschaft.


Unantastbare Würde, Homo-Ehe, Anti-Diskriminierungsgesetze:

Der Staat hat doch schon für alles gesorgt!

Normen werden, in einer funktionierenden Demokratie, von der Gesellschaft hervorgebracht, und vom Staat in Form von Gesetzen konkretisiert. Der Verstoß wird von der Gesellschaft mit Missbilligung - und vom Staat mit Sanktionen geahndet. Gesetze, welche Homosexuellen gleiche Rechte bieten, und gegen Diskriminierung und Gewalt vorgehen, müssten demnach ein Leben in sexueller Selbstbestimmung garantieren. Aber wie sieht das in der Praxis aus?


Homosexualität steht in vielen Teilen dieser Welt unter Strafe. 80 Länder, um genau zu sein. Geahndet werden homosexuelle Handlungen mit Geld-, Haft- oder gar Todesstrafen. Die Norm richtet sich also gegen die Homosexualität und fördert schließlich Diskriminierung und Gewalt. Auch die Steinigung wird zur Bestrafung in manchen Teilen der Erde noch eingesetzt.


Aber man muss nicht erst in den Iran oder in die Sharia-Gebiete Somalias fahren, um staatlich angeordnete Schwulenfeindlichkeit live zu erleben: Gleich nebenan, in Russland zum Beispiel, werden positive Aussagen über Homosexuelle gemäß des „Propagandagesetzes“ mit Geldstrafen und Haft geahndet.


Und wer glaubt, in Deutschland wären wir damit schon lange über den Berg: Der berühmte §175 wurde erst 1994 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Historisch betrachtet, war das gestern. Er stellte homosexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. Bis 1969 schloss der Paragraf die „widernatürliche Unzucht mit Tieren“ gleich mit ein. Ob ich es jetzt mit einem anderen Mann mache, oder mit einer Schimpansen-Dame – kommt ja in etwa aufs Gleiche raus.

Ohne Worte.

So erschreckend die bloße Existenz des §175 auch ist – eines hat er gezeigt: In den letzten 30 Jahren vor seiner Abschaffung wurde er praktisch nicht mehr angewandt. Homosexuelle Beziehungen wurden, wenn bekannt, weitgehend toleriert.

Die gesellschaftliche Norm machte somit das staatliche Gesetz obsolet.


Gesetze allein bestimmen daher nicht, wie Sexualität sich in einer Gesellschaft ausleben lässt. Es gibt Länder, in denen Homosexualität unter Strafe steht, aber letztlich nicht aktiv verfolgt wird. In anderen Ländern wiederum, ist Homosexualität rechtlich gesehen gar kein Thema, wird aber gesellschaftlich geächtet. Ein Schutz durch entsprechende Gesetzte wird oft nicht gewährleistet.


Fazit: Gesetze spielen eine wichtige Rolle für die Lebensbedingungen homosexueller Menschen. Der normative Druck der Gesellschaft, jedoch, ist die treibende Kraft. Aber warum sollte eine Gesellschaft überhaupt etwas gegen Schwule haben?


Homosexuelle gefährden das Fortbestehen der Menschheit!


Im Laufe der Evolution war die Etablierung von Normen von einem Grundsatz bestimmt: Wer das Fortbestehen des Stammes gefährdet oder behindert, wird geächtet. Besonders in kleinen Stämmen waren Fruchtbarkeit und Paarungsbereitschaft von existentieller Bedeutung.


Gleichgeschlechtliche Beziehungen konnten somit schwer als Norm akzeptiert werden. Die Lebensbedingungen waren hart, die Lebenserwartung entsprechend kurz, die Sterberate unter Kindern hoch. Nachwuchs musste im Überschuss produziert werden, wenn man am Ende des Quartals noch schwarze Zahlen schreiben wollte. Keine Zeit für schwule Sperenzchen.

Fast forward – 2018: Inzwischen hat sich der Homo Sapiens vom kleinen Völkchen zur Weltmacht im Tierreich gemausert. 7,6 Milliarden von uns gibt es inzwischen. Wer die Zahlen in Echtzeit verfolgen will, der werfe einmal einen Blick in den Live-Ticker. Nur der Wert für „Ausgaben für Illegale Drogen“ scheint hier schneller zu rattern als die Geburtenrate.

Weniger werden wir nicht.

Vor dem Aussterben sind wir nicht mehr bedroht, vielmehr beschert uns die Überpopulation ein paar Problemchen: Ressourcenknappheit, Klimaerwärmung, Delfine mit Plastik auf der Schnauze, zwei Stunden anstehen vorm Berghain. Aus evolutionstechnischer Sicht sollte Homosexualität heute eher eine erstrebenswerte gesellschaftliche Norm darstellen. Auch wenn das die Schlange vorm Berghain nicht verkürzen würde.


Jeder hat so seine Bedürfnisse. Sogar Schwule.


Was zur Norm wird, entscheidet also die Gesellschaft. Aber welches Ziel haben wir heute als Gesellschaft? Wonach entscheiden wir?


Das Ziel der Arterhaltung dürfte inzwischen nicht mehr ganz oben auf unserer Agenda stehen. Als westliche Industrienation haben wir den Struggle unserer Vorfahren überwunden. Für die Arterhaltung ist gesorgt, das Dach ist gedeckt, der Kühlschrank ist voll.


Wir genießen das Privileg, uns mit der Spitze von Maslows Bedürfnispyramide auseinandersetzen zu dürfen. Und was steht da als oberstes und edelstes Bedürfnis? Selbstverwirklichung. Und gleich darunter: sogenannte Individualbedürfnisse. Was das für den Einzelnen bedeutet, darüber lässt sich streiten. Dass sie das freie Ausleben der eigenen Sexualität und das Recht auf gesellschaftliche Akzeptanz einschließen, steht hingegen nicht zur Diskussion.


Wer anderen die Selbstverwirklichung verwehrt, der kann sich genauso gut für die Privatisierung von Grundwasser einsetzen. Keinem Mitglied der Gesellschaft ist damit gedient. Wenn wir in unserer Gesellschaft also nach Selbstverwirklichung streben, so sollte die Norm lauten: Lebe selbstbestimmt, ohne andere an der Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu hindern.


Nun gehört dummerweise unsere Sexualität zum Fundament unserer Persönlichkeit. Die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit ist demnach nicht möglich, solange wir unsere Sexualität unterdrücken müssen. Also ist die Sache klar: Einfach rausgehen, Händchenhalten, rummachen – egal ob vorm City Chicken in Neukölln oder im Hellersdorfer Kegelverein.

Schwul sein kann einem bei vielen Gelegenheiten einen Strich durch die Rechnung machen.

Tja, leichter gesagt als getan. Denn leider stehen auf der Maslowschen Pyramide noch vor unseren Individualbedürfnissen und dem Streben nach Selbst-verwirklichung zwei Bedürfnisse, mit denen es hier zu Komplikationen kommen könnte: Soziale Anerkennung und Sicherheit. Wer im Ethik-Unterricht nicht aufgepasst hat: Die Pyramide ist genau genommen eine Hierarchie. Die Bedürfnisse einer jeden Stufe können erst in Angriff genommen werden, wenn für die Bedürfnisse auf der vorigen Stufe gesorgt ist. In anderen Worten:

Selbstverwirklichung kannste knicken, solange du Schiss hast, dafür auf die Fresse zu kriegen.

Selbstverwirklichung oder Sicherheit – was darf’s sein?


2017 wurden 801 Fälle von homophober Gewalt und Diskriminierung beim schwulen Anti-Gewalt Projekt MANEO gemeldet. Dabei handelte es sich um Homo- u. Transfeindlich motivierte Körperverletzung, Raub, Nötigung, Bedrohung und Beleidigung. Dass die Dunkelziffer eine weitaus höhere Hausnummer hat, braucht hier wohl nicht extra erwähnt werden.


Wir müssen also davon ausgehen, dass selbst in einer der Homo-freundlichsten Städte der Welt, schwul sein nicht als normal gilt. Und solange jemand als "unnormal" gesehen wird, steht die Tür offen für soziale Missachtung und Gewalt. Ein freies, selbstbestimmtes Leben ist nicht mehr möglich, wenn dabei die eigene Sicherheit und die Würde auf dem Spiel stehen.


Ich will hier keine Panik machen. Mit Angst und Schrecken kriegt man eher Leute in Chemnitz zum Zuhören. Gewalt und Diskriminierung gegen Homosexuelle werden vom deutschen Rechtssystem zunehmend ernst genommen. Demonstrationen wie Unteilbar zeigen die enorme Bereitschaft der Gesellschaft, Vielfalt und Selbstbestimmung endgültig zur Norm zu machen. Von einer Zeit, in der homosexuelle Paare sich jederzeit und an jedem Ort als solche zeigen können, ohne Missbilligung oder schlimmeres befürchten zu müssen, sind wir jedoch noch ein Stückchen entfernt.

Die Gesellschaft sagt an, wo es lang geht.

So wie es gerade aussieht, kann es mit unserer Gesellschaft in beide Richtungen gehen: zurück ins dunkle Mittelalter oder in eine farbenfrohe Zukunft. Was sich letztendlich durchsetzt, wird durch den öffentlichen Diskurs und den Einsatz des Einzelnen bestimmt. Wer für sich und seine freie Selbstbestimmung einsteht, tut dies letztlich auch für andere.


Man muss also doch wieder alles selber machen


Die Fähigkeit, sich gegen Gewalt behaupten zu können, ist Grundvoraussetzung für die freie Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Dies gilt sowohl für psychische als auch für körperliche Angriffe. Gesetze sind wichtig, gesellschaftlicher Halt noch mehr, aber am Ende des Tages liegt die Verantwortung beim Individuum: Ver-antworten – das heißt eine Antwort parat haben für Hass, Gewalt und Vorurteile.


Deshalb bieten wir Workshops zur Selbstverteidigung und Selbstbehauptung für Homosexuelle an. Wer sich aktiv mit Gefahrensituationen auseinandersetzt, und lernt sich verbal und körperlich zu verteidigen, kann mit Selbstsicherheit auftreten und zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Selbstbestimmt leben und dafür sorgen, dass schwul sein eine Selbstverständlichkeit wird.


Ist es traurig, dass man mutig sein muss, um sich offen zu seiner Sexualität zu bekennen? Klar. Ist es eine Zumutung, dass ich als homosexueller Mensch lernen muss mich selbst zu verteidigen? Keine Frage. Können wir nicht einfach Fairness und Verständnis von der Welt erwarten? Negativ.


Wer schwul ist, dem mangelt es nicht an Einladungen, die eigene Comfort Zone zu verlassen. Man steht gewissermaßen vor der Wahl: Kämpfen für das, was für andere selbstverständlich ist (einfach man selbst sein), oder sich zurückziehen und dabei die Ansprüche an sich selbst, die Gesellschaft und das Leben ordentlich zurückschrauben. Das ist nicht fair. Aber vielleicht finden genau diejenigen zu sich selbst, die für ihre Selbstbestimmung kämpfen. Um es einmal mit einem besonders langen und schlauen Satz eines grauhaarigen Soziologen zu sagen:


„Die reale Herausforderung zur Selbstentfaltung bedeutet (...) den Zwang zur Herausstellung von Fähigkeiten, die das Individuum in die Lage versetzten, jenseits ehemaliger Sicherheiten und Geborgenheit mehr oder weniger auf sich gestellt zu existieren, sein Leben in eigener Verantwortung zu führen und dabei sehr viel instrumentelle Intelligenz, Flexibilität, Anpassungsgeschick und social skills, wie auch eine hoch entwickelte Fähigkeit zum Ertragen und produktiven Verarbeiten von Versagungen und Misserfolgen zu entwickeln.“ (Helmut Klages in seiner Abhandlung zum Wertewandel und Gesellschaftlichem Wandel, 1998)


Diesem Verständnis nach, gehen Selbstverwirklichung und der Kampf gegen Unterdrückung Hand in Hand. Helmut Klages zieht demensprechend den Schluss „dass die individualistische Selbstentfaltung völlig missverstanden würde, wenn sie als affektiv betonte und lustvoll erlebbare Triebbefriedigung interpretiert würde.


Was bleibt dem noch hinzuzufügen? Vielleicht gelingt es dem ein oder anderen ja doch, auch hier zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen ;)


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